Vize (!?).

Liebe Vereinskollegen,
 
 die diesjährige Deutsche Senioren-Einzelmeisterschaft fand vom 3.8. -11.8.2009 in Dresden statt. Austragungsort war das dortige Ramada-Hotel, einigen von Euch vielleicht bekannt als Spielstätte des ZMD-Open’s.
 
 Nach der Pleite in Bad Bevensen habe ich mit meiner Anmeldung lange gezögert, mich letztlich aber, wenn auch viel zu spät, für die Teilnahme entschieden. Meine Meldung wurde dann zwar noch akzeptiert, doch nicht ohne einige kritische Worte des Veranstalters. Merke, bei den Senioren herrscht noch Ordnung.
 
 Beginnend mit dem Abreisetag bis einschließlich der Runde 8 habe ich diese Entscheidung beklagt und bereut. Selten stand ein Turnier unter einem derart schlechten Stern. Stunden vor der Abreise verlor meine Frau ein Schmuckstück, das ihr sehr viel bedeutete, was dazu führte, dass wir sowohl die Wohnung absuchten als auch sämtliche

Mülltonnen auf den Kopf stellten. Dann konnte ich bis in die frühen Morgenstunden nicht einschlafen, da ich mir den Magen verdorben hatte, und ich noch eine Stunde vor der Abreise mit einem Verzicht auf das Turnier liebäugelte. Die Anfahrt war eine einzige Katastrophe, denn ca. 160 km vor Dresden meldete sich die Kühlwasser-Warnleuchte, wodurch wir gezwungen waren, ständig anzuhalten, um nach nicht erheblichen Wartezeiten das Kühlwasser wieder aufzufüllen.
 
 Das defekte Auto beschäftigte uns praktisch die gesamten 9 Tage, denn die Vertragswerkstätten, die man uns genannt hatte, waren entweder pleite oder nicht erreichbar. Besonders motivierend war der Gedanke an die Worte meines Schwiegervaters: ‘Nimm doch meinen Wagen, das ist sicherer, Deiner hat doch schon 330.000 km auf dem Buckel’. Gut, dass ich während einer Partie alles um mich herum vergessen kann.
 
 Okay, Schach wurde auch gespielt. Insgesamt gingen 310 Teilnehmer an den Start, wobei 192 in der Gruppe A und 118 in der Gruppe B spielten.
 
 Für mich, sicherlich für viele andere auch, war der frühere Weltklassespieler Wolfgang Uhlmann der eindeutige Favorit des Turniers, wobei man den fünffachen Sieger Jefim Rotstein nicht vergessen durfte. Für Uhlmann geriet bereits in Runde 4 mit einem Remis gegen den Essener Erich Krüger etwas Sand ins Getriebe. Spätestens nach der Niederlage gegen Rotstein in Runde 6 wurde deutlich, dass es in diesem Jahr mit der Meisterschaft für ihn nichts werden würde. Wolfgang Uhlmann versteht vermutlich immer noch mehr vom Schach als jeder andere Teilnehmer, verfügt aber offensichtlich nicht über die körperliche Robustheit eines Viktor Kortschnoj. Letztlich reichte es für ihn nur für den 7. Platz.
 
 Somit hatte allein Rotstein nach 6 Runden eine weiße Weste, womit sich die Fortsetzung seiner beeindruckenden Serie aus den Vorjahren andeutete. Doch das Unheil kam in Runde 7 mit dem überragenden Spieler des Turniers, Prof. Dr. Christian Clemens, der nach dem Sieg gegen Rotstein nicht mehr aufzuhalten war und bei zwei Remis mit 8 aus 9 völlig verdient neuer Deutscher Meister der Senioren wurde. Bedauerlicherweise war auch ich eines seiner Opfer. Als kleines Trostpflaster gab es immerhin 8 Punkte für die Buchholz-Wertung, die bei Punkt-Gleichstand bekanntlich das entscheidende, wenn auch fragwürdige Kriterium für die Platzierung ist. Ebenfalls gut schnitten der Berliner Harald Lieb und der Essener Karlheinz Bachmann als Dritter und Vierter ab. Alles ziemlich bekannte Namen im deutschen Schach, wenn auch aus vergangenen Zeiten.
 
 Und ich? Ich spielte immerhin über 9 Runden an den ersten Brettern. Einerseits gut, denn ich schwamm vorne mit, andererseits schlecht, da die ersten Bretter im Internet übertragen wurden, was meiner schachlichen Reputation, so sie überhaupt vorhanden ist, einen nicht zu reparierenden Schaden zugefügt haben dürfte. Ich spielte nicht gut, aber ich kämpfte; verärgerte die Schiedsrichter durch undiszipliniertes Mitschreiben; war dreimal an der letzten laufenden Begegnung beteiligt; gefährdete den pünktlichen Ablauf der Siegerehrung, da ich 1,5 Std. vor Turnierschluss immer noch verbissen versuchte, die letzte Runde zu gewinnen, mit wagen Aussichten auf das Treppchen.
 
 Mein Schlussrunden-Gegner war ziemlich erbost, da ich in folgender Stellung weiter spielte: Weiß Ke7, Se7, g5, f2; Schwarz Kg7, Lc2, g6. Ich hatte keine Ahnung, ob das zu gewinnen ist. Mit ständig nur 30 Sekunden auf der Uhr sieht man alle möglichen Gespenster, und einen sinnvollen Plan kann man praktisch nicht entwickeln. Tatsächlich ist die Partie leicht gewonnen, was mir letztlich gelang, wenn auch mit nicht unerheblicher Hilfe des Gegners.
 
 Nach dem Debakel in Bad Bevensen war mir selbst Herr Buchholz gewogen und rückte tatsächlich die Silbermedaille raus.
 
 
 Ende gut, alles gut, denn wir kamen nach einer kleineren Reparatur unbeschadet nach Hause, wo sich zu unserer Überraschung auch das Schmuckstück wieder einfand. Nur der Magen kann sich immer noch nicht damit abfinden, das sich alles zum Positiven gewendet hat.
 
 Schach ist ein Glücksspiel, wie manches andere auch.
 
 Gruß von Bernhard.

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Kommentare

Lieber Bernhard!

Du warst immer schon ein verdammt guter Schachspieler.
Ich habe jedoch den Eindruck wie beim guten Wein, je älter desto besser!!!!

Was mich jdoch noch mehr beeindruckt sind Deine literarischen
Fähigkeiten!!!

Vielleicht solltest Du mal ein Schachbuch schreiben mit Deinen erlebten Anekdoten und Deinen besten Partien,ich würde mich jedenfalls sehr darüber freuen!

Bis bald Bernhard
Dein Schachfreund
Pete

Lieber Schachfreund Schippan,
der SV Constantin gratuliert Ihnen herzlich zu Ihrem großartigen Erfolg mit der Erringung der Vizemeisterschaft der Senioren. Damit haben Sie nicht nur den SK Sodingen sondern auch den Schachbezirk Herne in hervorragender Weise mit tollem kämpferischen Schach repräsentiert!
Weitere Erfolge wünschen Ihnen alle Constantiner.
Grüße
Ferdinand Kühler

Ganz tolle Leistung!

Ich habe Dir für jede Runde die Daumen gedrückt und freue mich sehr über Deinen Erfolg.

Lieber Bernhard,
natürlich auch von mir (etwas verspätet) herzlichen Glückwunsch zum Vizetitel und zu der grandiosen Leistung.
Wir werden dies auch zusammen mit Dir noch gebührend feiern.

Alles Gute
Eckhard

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