Simultanvorstellung

Liebe Vereinskollegen,
 
 im Jahr 1963 gewann der legendäre Robert James Fischer die US-Meisterschaft mit sagenhaften 11 Punkten aus 11 Runden. Aus diesem Anlass gratulierte der bekannte Schachspieler und Schachpublizist Hans Kmoch dem Zweitplatzierten, GM Larry Evans, zur Meisterschaft und Fischer zur gelungenen Simultanvorstellung. 
 An diese Geschichte musste ich bei der Siegerehrung zur 17. Ruhrgebietsmeisterschaft der Senioren denken. Aus der Sicht des schachlichen Niveaus gibt es natürlich wenig Vergleichbares zu einer US-Meisterschaft, doch als Leistung sind die die 8,5 aus 9 des diesjährigen Gewinners Abram Chasin für mich noch bemerkenswerter. 
 Abram Chasin ist stolze 87 Jahre alt (jung?) und leidet unter einer schweren körperlichen Behinderung. Beides vermochte ihn nicht zu stoppen, er dominierte das Turnier von der ersten bis zur letzten Runde. Der Geist siegt also doch über die Materie. 
 Ganz von ungefähr kommt dieser Erfolg nicht. Durchstöbert man die einschlägigen Datenbanken (Chasin, Khasin), so stellt man überrascht fest, dass er in der Nachkriegszeit durchaus zur zweiten russischen Garde gehörte und mit sämtlichen Größen dieses Schachlandes die Klingen gekreuzt hat. Bedingt durch die Behinderung hat er später das Nahschach praktisch an den Nagel gehängt und sein Land mehrfach bei der Fernschach-Olympiade vertreten. 
 Chasin hat bei diesem kleinen Turnier, das zum dritten Mal unter Willi-Knebel-Gedenkturnier firmierte, nicht fehlerlos gespielt, wie auch, doch seine ungeheure Erfahrung machte sich besonders dann bemerkbar, wenn es galt, technische Gewinnstellungen zu verwerten. Im Gegensatz zu manch anderem Favoriten erledigte er diese Aufgabe souverän.  
 Obwohl meine Begeisterung über den Turniersieger keine Grenzen kennt, noch einige weitere Anmerkungen. Zweiter wurde Willy Rosen, ein Katernberger Urgestein. Überraschenderweise waren 7 aus 9 nicht genug für ihn. 
 Ich belegte den dritten Platz. Nachdem ich das Turnier in den letzten beiden Jahren gewonnen hatte, vielleicht eine kleine Enttäuschung, doch 5 Remisen waren einfach zu viel. Ich bin aber nicht unzufrieden. Der DWZ-Schnitt meiner Gegner lag bei ca. 2020 und 6,5 aus 9 entsprachen ungefähr der Turniererwartung. Allerdings, eine gute Partie kann ich nicht liefern. Die einzig bemerkswerte Partie habe ich gegen den Turniersieger gespielt, wobei weder er noch ich besonders glücklich agierten, doch immerhin, es war dramatisch. Mein Respekt vor Abram Chasin verbietet es mir aber, eine Partie zu zeigen, in der er mit dem nackten König über das Brett sauste und ich die Zeit überschritt. Remis. Das hatte aber wenig mit seinen sonstigen Leistungen zu tun. Deshalb lassen wir es. 
 Und was sagt uns/mir das jetzt alles? War der 87-jährige Mann so gut, oder sind wir solche Patzer? Vermutlich stimmt beides. 
 Habe ich noch 23 tolle Schachjahre vor mir? Vermutlich nicht, denn was Hänschen nicht lernt lernt Hans nimmer mehr. 
 Euch allen sollte es aber Hoffnung machen. Es ist nie zu spät und es kann noch lange dauern, möglichweise geht es sogar aufwärts.
 
 Gruß vom Remis-Schieber Bernhard

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