Nie mehr Schach

Liebe Vereinskollegen,
 es gibt praktisch keine Heidschnucken mehr, jedenfalls nicht in der Lüneburger Heide, wo man sie ja vermuten sollte.
 Ehe Ihr Euch jetzt fragt, ob ich endgültig verrückt geworden bin: Ich bin seit einem Tag zurück aus [[Bad Bevensen]], einem in der [[Lüneburger Heide]] liegenden Kurort. Meine Schwiegereltern hatten sich einen gemeinsamen Kurzurlaub mit mir und meiner Frau gewünscht und sich aus mir unerfindlichen Gründen diese Gegend ausgesucht. Als ich feststellte, dass zum geplanten Zeitpunkt in Bad Bevensen ein Seniorenturnier stattfindet, wurde dieses Ziel auch für mich plötzlich zur ersten Wahl.
 Gespielt wurden 9 Runden im Kurhaus der Stadt. Die Spielbedingungen waren ordentlich, wenn sich auch einige Teilnehmer über die schlechten Luftbedingungen beschwerten, da der Raum nicht klimatisiert war. Daran wird sich auch zukünftig nichts ändern, denn Bad Bevensen ist, wie die meisten Kurorte, finanziell nicht auf Rosen gebettet.
 Es gingen 178 Teilnehmer an den Start. Nach 6 Runden führte ich allein mit 5,5 Punkten. Darunter war ein abgesprochenes Remis mit dem in Seniorenkreisen bekannten Bernd Rädeker. Die 5 Gewinnpartien waren recht gut gespielt, wenn ich auch in der zweiten Runde gewackelt hatte. Von dieser Ausnahme abgesehen, konnte die Blechkiste keine groben Fehler feststellen. Nach einem Remis in Runde 7 lag ich immer noch vorn, wenn auch nur aufgrund der Buchholzzahl, da zwei Spieler zu mir aufgeschlossen hatten.
 Ein Sieg in Runde 8 hätte mir also den zweiten Platz garantiert, ein abschließendes Remis in der Schlussrunde den ersten Platz eingebracht. Ruhm, Ehre, Geld, Fernsehen, Talkshows mit Boris Becker (schon immer mein Traum!), mit einem Zug alles im Eimer. Wer sich dafür interessiert, kann sich nachfolgend die Partie ansehen, die mit Sicherheit zu meinen traurigsten Schacherlebnissen zählt.
 

 Ich werde die Partie hier nicht analysieren. Das kann Fritz besser. Einige allgemeine Überlegungen aber erlaube ich mir.
 
 Der Zug 5. Lb5 von Weiß ist sicherlich keine Offenbarung, er ist in der konkreten Situation sogar schlecht und verzichtet auf jeden Eröffnungsvorteil.
 
 Allerdings kann offensichtlich kein Zug so schlecht sein, als dass ich nicht noch einen wesentlich schlechteren Plan darauf entwickle. Der Zug 6. bxc6 von Schwarz: eine einzige Katastrophe. Ich hatte gesehen, dass ich zwangsläufig den weißen d-Bauern rückständig machen kann und mir etwas davon versprochen. Völliger Quatsch. Fakt ist, dass in der Folge die schwarzen Leichtfiguren am Damenflügel im Abseits stehen, keinerlei Perspektive haben, der Bauer c5 zur Schwäche neigt, und der Königsflügel ziemlich entblößt ist.
 
 Mit 15. Lc8 zeigt Schwarz an, dass er den Ernst der Lage erkannt hat. Nach 17. d6 hat Schwarz vollen Ausgleich, möglicherweise steht er sogar leicht besser, da der Bauer h5 ein Angriffsobjekt ist. Allerdings hat Weiß mit den schlappen Zügen Tab1, h4 und vor allem De3 reichlich geholfen.
 
 In der Folge spielt Weiß, der ein reiner Taktiker ist, aus dem Handgelenk. Mit dem 34. Zug von Schwarz beginnt das Drama. Sowohl das gespielte Ke4 als auch Kf6 gewinnen, wenn auch Kf6 viel einfacher ist. Der weiße Turm muss die wichtige g-Linie verlassen und nach Sg4 kann Weiß das Handtuch werfen bzw. die Puppen ins Kästchen legen.
 
 Als ich mit Kf5 die Partie einzügig einstellte, hatte ich noch 17 Minuten auf der Uhr, also genug Zeit. Jeder, der mir bis hierhin gefolgt ist, der wird sagen: mein Gott, das muss man doch sehen. Ja, das muss man sehen, doch ich hatte seit geraumer Zeit das Gefühl, mir könne nichts mehr passieren, das Turnier habe ich im Sack. Nach Txe5 glaubte ich wirklich, mir sei ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen.
 
 Das war’s. Zum ersten Mal seit langer Zeit hat mich dann jeder Kampfgeist verlassen. Die Schlussrunde spielte ich nach dem Motto: Hopp oder Top. Es wurde ‘Hopp’. Platz 15, bei der mit weitem Abstand besten Buchholz-Wertung. Das Wort Pleite beschreibt das Ganze nur unzulänglich.
 
 Und nun zurück: Es gibt zwar noch [[Heidschnucken]], doch nur als Stofftiere in den Souvenierläden. Der Kreis Lüneburg plant gerüchteweise, sich als Touristenattraktion wieder eine Herde und einen hauptamtlichen Schäfer zuzulegen - kein Witz.
 
 Sollte Euch die Herde einmal begegnen: Achtung, der Schäfer könnte ich sein, nach diesem Turnier durchaus möglich.
 
 Bernhard Schippan

Turnierseite

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Kommentare

Du hast zu früh aufgegeben!:
Gib niemals auf. Es besteht immer noch die Chance, daß dein Gegner tot vom Stuhl fällt, bevor er dich matt setzt
Zitat von Al Horowitz :-)

•Unser Nervensystem macht zuweilen von seiner Fähigkeit Gebrauch, in einer Periode der übermäßigen Belastung abzuschalten.
Alexej Suetin

Lieber Bernhard!
Obwohl ich der Meinung bin das Du z.Zt. der stärkste
Sodinger Spieler bist, kannst auch Du nicht immer fehlerfrei spielen und jedes Turnier gewinnen!!!
Viel Spass beim nächsten Turniersieg
wünscht Dir Dein Mannschaftkamerad Pete

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