Über Schach und Kühlsysteme

Liebe Vereinskollegen,

bereits in der Vergangenheit habe ich unsere Website benutzt, um über Turniere zu berichten, an denen ich mit wechselhaftem Erfolg teilgenommen habe. In der Regel bat mich unser Web-Master um einen Artikel. Manchmal geschah es aber auch, weil ich mich erinnerte, dass die Vereinsmitglieder angehalten wurden, über ihre auswärtig gespielten Turniere etwas von sich zu geben.

Ich wollte weder in der Vergangenheit noch will ich heute den Eindruck erwecken, ich schreibe über schachliche Höchstleistungen. Das Niveau auf diesen Turnieren liegt sicherlich unter dem der NRW-Klasse, ist in der absoluten Spitze allerdings nicht wesentlich schlechter, wenn überhaupt.

Etwas sarkastisch habe ich mal formuliert, dass Seniorenturniere gekennzeichnet sind durch Einsteller in der fünften Stunde, Probleme im Umgang mit der elektronischen Uhr und ständig gut besetzter Toilette (Prostata!). Tatsächlich findet man aber durchaus gute Partien (nicht von mir) und einige der Teilnehmer könnten sich sicherlich in der NRW-Klasse gut behaupten.

Für die folgende Bemerkung gibt es keinen aktuellen Anlass, es hat mich niemand kritisiert, was bei meinem Chaos-Schach eh keinen Sinn machen würde.

Zunehmend werden Spitzenbegegnungen von Seniorenturnieren im Internet übertragen. In diesem Zusammenhang erlaube ich mir ein Wort zu der Unsitte, nebenher Fritz oder Rybka rechnen zu lassen und ständig den Kopf über die deppenhafte Züge der menschlichen Akteure zu schütteln. Am Brett sind Entscheidungen zu treffen, ist man in Zeitnot, gibt es Ängste, Ärger und Euphorie, während im Wohnzimmer gut spielen ist. Dies gilt es insbesondere bei der Analyse von Partien der über 60jährigen zu berücksichtigen.

Nun gut. Ich nehme mir hier die Freiheit einer Reminiszens an das Turnier Bad Bevensen 2010, im Online-Zeitalter eigentlich nicht erlaubt, da es bereits vier Wochen der Vergangenheit angehört. Ich habe erstmalig 2009 an diesem Turnier in der Lüneburger Heide teilgenommen und bin noch heute davon überzeugt, dass es das einzige Turnier in meinem Schachleben war, welches ich verdientermaßen hätte gewinnen müssen. War aber nichts.

In diesem Jahr ereilte mich das Schicksal bereits in der dritten Runde. Und das kam so. Als Schwarzer war ich mangels tiefer Theoriekenntnisse der Sveshnikov-Variante in einer Stellung gelandet, deren Gewinnpotential gleich Null war, hatte aber rotzfrech ein Remisangebot abgelehnt. Ein Turm meines Gegners stand auf h5, einer meiner Türme auf e5, unterbrochen wurde die Verbindung durch einen schwarzen Bauern auf g5. Weiß hatte zuletzt Kg1 nach g2 und g3 gespielt. Ich war in Zeitnot, sah aber keine Problem in der gegnerischen Drohung Bauer h2 nach h4, denn diesen Bauern würde ich ja mit Schach schlagen, um danach zu sehen, was ich mit meinem Turm auf e5 anstellen kann. So kam es auch, er zog h4, ich schlug blitzschnell gxh4 und zu meinem Entsetzen nahm er meinen Turm auf e5. In der Hektik hatte ich völlig übersehen, dass Weiß zwar mit dem König von g1 nach g3 gegangen war, im nächsten Zug aber zurück nach g2. Also kein Schach, sondern Turm weg.

Da half es mir wenig, aus den nächsten 6 Runden 5,5 Punkte zu holen, denn die Buchholz-Wertung blieb miserabel. Zu allem Unglück rutschte ich trotz der 7 aus 9 Ausbeute erstmalig seit langer Zeit unter DWZ 2200. Mein Stolz war schwer verletzt. Bedauerlicherweise hatte ich irgendwann gegenüber meiner Frau geäußert, sollte ich je unter 2200 fallen und noch andere Merkwürdigkeiten auftreten, so möge sie mich streng beobachten. Sie meinte aber, eigentlich hätte sich nichts geändert, denn irgendwie merkwürdig sei ich schon seit Jahren, wenn nicht vom ersten Tag unserer Bekanntschaft an gewesen.

Tatsächlich hat mich erst dieser relative Misserfolg veranlasst, an der Deutschen Seniorenmeisterschaft in Berlin-Spandau teilzunehmen. Spielort war das Johannesstift vor den Toren der Stadt, eine karitative Einrichtung (praktisch ein Dorf) der evangelischen Kirche. Darüber habe ich aber bereits in Zusammenhang mit der Deutschen Mannschaftsmeisterschaft alles gesagt. Trotz verzweifelter Bemühungen der Verantwortlichen, noch einen einzigen Spieler aufzutreiben, blieb es letztlich bei 299 Teilnehmern. Das Turnier war wesentlich stärker besetzt als im Vorjahr. Ich war in der Rangliste an 9. Stelle, was ich lange nicht mehr hatte. Mein Favorit war der Spieler Clemens Werner, der dann tatsächlich Deutscher Meister wurde. Vielleicht sollte ich besser ins Spielcasino gehen und nicht ans Schachbrett.

Für mich verlief das Turnier bis zur 8. Runde optimal. Ich hatte mehrfach schwierige Situationen zu überstehen, doch immer nahm die Partie ein gutes Ende. Bereits in der 1. Runde wurde ich als Weißer konfrontiert mit 1. e4 e5 2. Sf3 d6 3. Lc4. Hier entkorkte Schwarz Sf6, was ich für einen totalen Patzerzug hielt und spontan 4. Sg5 zog. Nach d5 5. exd h6 6. Sf3 e4 ist die Sache aber alles andere als klar. Schwarz entwickelt sich mit rasender Geschwindigkeit, während Weiß seine liebe Müh und Not damit hat, seine Figuren an die Front zu bringen. Inzwischen ist mir natürlich klar, dass Schwarz ein sehr respektables Gambit mit hoher Erfolgsquote gespielt hat.

In zwei der Partien bin ich ganz bewusst hohes Risiko gegangen, obwohl die die Stellung das eigentlich nicht rechtfertigte. Manche Partien muss man aber einfach gewinnen, sonst kann nicht oben mitmischen. Das Schicksal schlug dann in der Gestalt von IM Boris Khanukov zu, gegen den ich vor der Runde eine Bilanz von 1,5 aus 2 hatte, sofern man bei zwei Partien von Bilanz sprechen kann.

Ich hatte mich ca. 6 Stunden auf diese Partie vorbereitet, natürlich kam dann etwas ganz anderes aufs Brett. Ungewollt landete ich in einer Ben Oni - Struktur, mit der ich nichts anzufangen wusste. Mein Gefühl sagte mir, die Stellung ist ok., sie war es auch, wie ich jetzt weiß, aber ich fühlte mich nicht wohl und hatte keine Ahnung, wo die Puppen denn nun hingehören. Ich fand einfach keinen Plan. Mit großer Leichtigkeit und hundsmiserablen Zügen habe ich die Partie dann binnen kurzem ruiniert.

In der letzten Runde traf ich auf den früheren deutschen Spitzenspieler Harald Lieb. Es war leicht festzustellen, dass er ewig und drei Tage Französisch spielt, ähnlich Wolfgang Uhlmann. Um zu kämpfen habe ich dann auf e4 e6 den Zug d3 gewählt. Und obwohl er alles tauschte, was sich bewegte, stand ich sehr gut - wenn Fritz 11 mit seiner Beurteilung richtig liegt - half ihm aber durch einen unsinnigen Abtausch sein Figurenknäuel zu entwirren. Remis.

Meine 9 Buchholz-Leute waren in der Schlussrunde offensichtlich völlig weggetreten, denn sie holten nur 3 Punkte, statistisch sicherlich eher selten. Platz 12, aber: 

wieder über DWZ 2200, noch kein betreutes Wohnen.

Da fällt einem die Rückfahrt nicht ganz so schwer. Ein weiterer Schritt in Richtung 400.000 km auf dem Tachometer meines Audi A6. Diese Marotte, nämlich 400.000 km zu erreichen, hat mich schon viel Geld gekostet.

Bereits auf der Hinfahrt schrie der Wagen nach Kühlwasser, was ich ihm natürlich nicht abschlagen konnte. Ich bin dann in Berlin sofort in eine Werkstatt gefahren, doch der Service-Mann konnte nichts finden. Kein Wunder, er behauptete mir gegenüber, Wasser würde sich bei Hitze verdichten und bei Kälte ausdehnen. Da duldete er keinen Widerspruch. Das ist kein Witz.

Das Ende vom Lied war, dass ich mir in einer Autobahn-Tankstelle einen 5 Literkanister kaufen und ca. alle 50 km einen Stop einlegen musste, dann warten bis der Wagen einigermaßen abgekühlt war, um insgesamt ca. 18 Liter Wasser nachzufüllen. Da haben die 7 ¾ Stunden Heimfahrt so richtig Spaß gemacht.

Seniorenturniere haben eben mehr als nur einen Höhepunkt zu bieten (keine Anspielung).

Bernhard
 

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Kommentare

Lieber Bernhard,
vielen Dank für Deinen sehr unterhaltsamen Bericht. Wir können alle stolz sein, einen Spieler wie Dich, der als Vizemeister mit um die “Deutsche Seniorenmeisterschaft” spielt und Dir dann noch die Mühe machst einen solch langen Bericht zu schreiben, in unserem Verein zu haben.
Viele Grüße, auch an Deine geduldige Frau :-)
Franz

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